„Faceful Feelings“: Brückenschlag von Jerewan über Zürich nach München, Berlin und Stockholm

Viele Tänzer sind in den letzten zwei Jahrzehnten aus Armenien nach Westeuropa gekommen. Heute haben sie als Solisten oder Choreografen große Erfolge. Und immer mal wieder finden sie sich zu einer Ad-hoc-Gruppe für eine Show zusammen.

Tigran Mikayelyan, Arman Grigoryan, Vahe Martirosyan, Arsen Mehrabyan: Die Endsilbe –yan weist darauf hin, dass die vier Tänzer aus Armenien stammen. In der Ballettschule in Jerewan erhielten sie ihre erste fundierte Ausbildung, dann kamen sie nach Zürich und eroberten beste Positionen in Heinz Spoerlis Zürcher Ballett. Er förderte sie von Anfang an. Und sie waren in Zürich beliebt, der geschmeidige Grigoryan, der charismatische Martirosyan, der Sunnyboy Mikayelyan. Der hatte schon mit knapp 18 Jahren beim Prix de Lausanne einen ersten Preis errungen.

Heute sind die genannten Armenier weg aus Zürich. Sie tanzen als Solisten auf anderen prominenten europäischen Bühnen: beim Bayerischen Staatsballett in München (Mikayelyan), an der Staatsoper Berlin (Grigoryan) und am Königlich-Schwedischen Ballett in Stockholm (Martirosyan, Mehrabyan). Doch sie stehen miteinander in Kontakt und finden sich, teils mit weiteren Armeniern, seit 2006 in ihrer raren Freizeit zu Shows für Gastauftritte zusammen. Zwischenziel ist es, die Zeit unter Spoerli in Zürich zu feiern, Endziel, die Armenische Ballettschule in Jerewan materiell und künstlerisch zu unterstützen.

„Forceful Feelings“ heißt ihr diesjähriges Programm und bildet inzwischen auch den Namen der Gruppe. Das Publikum strömte und strömt in Massen in die Zürcher Maag-Halle, wo die Armenier ein teils schwerblütiges, teils leichtfüßiges Programm bieten. Dreizehn kurze Stücke oder Stückausschnitte werden in einer durchgehenden Show, durch eine einzige Pause unterbrochen, präsentiert. Die Musik stammt dabei von Komponisten, von denen einige ebenfalls die armenische Endsilbe –yan tragen: etwa Hamasyan oder Harutyunyan. Herzlicher Applaus ist allen Mitwirkenden nach jeder Nummer garantiert.

Gern präsentieren die Armenier ihre trotz fortschreitendem Alter elegant gebliebenen Körper und Sixpacks. Insofern erinnern sie an gewisse Béjart-Tänzer. Béjart-ähnlich wirken auch einige Choreografien, die Arsen Mehrabyan für die Show beigesteuert hat, ebenso die Kurzstücke von Jirí Bubenícek oder Maged Mohamed. Die Choreografien sind bühnenwirksam und durchgehend brillant getanzt.

Wenn die Tanzenden aber eine Partie aus dem zweiten Teil von Spoerlis „Sommernachtstraum“ zu Philip-Glass-Musik präsentieren, dann wird klar, dass ihre neoklassischen Ballettkünste berächtlich über jene der Béjart-Tänzer hinausgehen. Dabei kommen neben den Männern natürlich auch Tänzerinnen zum Zug, wenn auch keine armenischen: Mia Rudic, Galina Michaylova und die Schweizerin Sarah-Jane Brodbeck. Michaylova und Brodbeck gehörten beide Spoerlis Zürcher Ballett an und eine Zeit lang auch dem zu Ballett Zürich umgetauften Ensemble von Spoerlis Nachfolger Christian Spuck.

Ebenfalls aus dem Zürcher Repertoire stammt ein Pas de deux von Martirosyan und Mariko Kida aus Mats Eks „Dornröschen“. Eine großartig beklemmende Szene, wo die zum Drogendealer umgewandelte böse Fee Carabosse das Mädchen verführt.

Ein Handlungsballett der expressiven Art scheint Mehrabyans „Arshile Gorky“ zu sein, aus dem ein längerer Ausschnitt gezeigt wird. Darin geht es um das Ende des armenisch-amerikanischen Malers Gorky (1904-48). Dessen Frau verlässt ihn nach schweren Auseinandersetzungen. Er erhängt sich. Heavy.

Als Finale dann Großeinsatz der Männer (anstelle des angekündigten Artur Babajanyan tanzt der Russe Ilia Sarkisov) zum virtuosen Rodeo-Tanz. Mit Bildern dieser Kerle mit nackten Oberkörpern und in Jeans wirbt „Forceful Feelings“ offenbar sehr erfolgreich. Obwohl die Fotos nur eine Seite - die robuste - ihres Könnens zeigen.

Zürich, Maag Halle, 27.-30.6.2016