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von Rebecca Paasch


Dass Enthusiasmus eine der Eigenschaften ist, die der Ballett-Liebhaber mit dem Ballett-Tänzer teilt, ist wohl eine ausgemachte Sache. Und anders sollte man sich einer so ausgesprochen sinnlichen Kunst wie dem Ballett auch nicht nähern. Daher darf man sich ruhigen Gewissens nun der sorgsam ausgewählten und in Spannungsbezug gesetzten suggestiven Bilderwelt des soeben im Kirchbach Verlag erschienenen deutsch-englischen Fotobildband „Aestethic Fighters – Tigran Mikayelyan and the Power of Armenian Dancers” überlassen.
„Dance for you” hat ja bereits ausführlich in der November/Dezember-Ausgabe 2007 über das außergewöhnliche Projekt berichtet, das dem Band zugrunde liegt: der Ballett-Gala der „Forceful Feelings and Comrades” in Armeniens Hauptstadt Eriwan, im vergangenen Sommer. Armenische Ballett-Spitzentänzer hatten sie veranstaltet, um ihrer Heimat, in der sie die Grundlage ihres Könnens enıvorben haben, zu danken und um zu beweisen, dass man als Ballett-Tänzer in der ganzen Welt reüssieren kann.Thomas Kirchgraber, Fotografaus Leidenschaft, hatte sich an die Fersen des, derzeit als Erster Solist am Bayerischen Staatsballett wirkenden, armenischen Ballett-Tänzers Tigran Míkayelyan geheftet, der maßgeblich diese Gala organisiert hatte. Ein ungewöhnliches Projekt und ein ebenso ungewöhnliches Buch, das weitaus mehr sein will als pure Dokumentation. Denn Thomas Kirchgraber fotografierte nicht nur bei den zwei Gala-Abenden, sondern war fünf Tage lang bei allen Proben dabei, machte die Aufwärm-Classes mit, um sich perfekt einzustimmen und begab sich mitten ins Geschehen auf der Bühne. Das eröffnet außergewöhnliche Perspektiven. Es geht um nichts weniger als Schönheit und Kraft, von Bewegung fotografisch einzufangen und gleichzeitig das Bewusstsein des Sehenden dafür zu schärfen, wie viel Kampf die Leistung Spitzen-Ballett-Tänzern abfordert wie – neben Tigran Míkayelyan – Arman Grigoryan und Vahe Martirosyan (beide erste Solisten bei Heinz Spoerli am Zürcher Ballett), Arsen Mehrabyan (Solist bei John Neumeier in Hamburg) sowie den als Gästen wirkenden tschechischen Ballett-Zwillingsbrüdern Jiri und Otto Bubenicek. Auch die Gespräche beweisen es: Ballett ist mehr als bloßes Zehenspitzen~Kunstschweben auf ästhetischen Wolken.
Koautorin Ute Fischbach~Kirchgraber geht mit Tigran Míkayelyan Biographisches durch und bringt mit ihm seine Auffassung von Ballett auf den Punkt: Ballett-Tänzer sind keine ätherischen Kunstwesen, sondern ganz irdische Menschen, die mit der hohen Kunst ebenso kämpfen wie mit der eigenen Unzulänglichkeit.
Was sie auszeichnet, ist jedoch der Wille zur Perfektion und die grenzenlose Bereitschaft, alles zu geben. Mut ist eine der herausragendsten Eigenschaften eines Ballett-Tänzers. Das zeigt schon die außergewöhnliche Biografie von Tigran Mikayelyan, der als Kind wild entschlossen, bei bitterer Kälte in der, ob des armenischen Zusammenbruchs, nach der Trennung von der Sowjetunion geschlossenen Ballettschule, alleine trainiert. Er nimmt sogar kurzfristig ein Boxtraining auf, das er dann aber wieder sein lässt, als er entdeckt, dass Ballett-Tanzen seiner Männlichkeit keinen
Abbruch tut. Tigran Mikayelyan möchte durchaus eine Botschaft an junge Menschen richten und sie zum Ballett ermuntern, denn da können sie ihre Kräfte kanalísieren und statt auf der Straße zu
fighten, zu höherer Sinnhaftigkeit vorstoßen. Dass Außergewöhnliches in Tígran Mikayelyan steckt, war Ivan Liska, dem Chef des Bayerischen Staatsballetts, schon von Anfang an bewusst, wie er in seinem Vonıvort mitteilt. „Aesthetic Fighters” zeigt daher nicht nur Bilder der Gala in Eriwan, sondern Tígran Mikayelyan auch in seinen schönsten Rollen am Bayerischen Staatsballett. Wer mehr über diesen opulenten Bildband wissen will, kann im Internet unter www.aesthetic-fighters.de einige Textproben und Bildergalerien einsehen. Übrigens geht ein Euro pro Buch an den weltweit agierenden armenischen Hayastan-Fund, der es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht hat, die Ausbildungssituation in Armenien zu verbessern.